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Zur Entstehung des Musicals HAIR
mit Bildern aus dem Privatarchiv von Holger Münzer, Musikalischer Direktor aller drei deutschen HAIR-Ensembles
Die Weiterverbreitung von Text und Bildern ist untersagt und wird mit Schadensersatz geahndet. Die gezeigten Darsteller können über ihre Fotos frei verfügen.


Umschlag der deutschen Programmhefte Die Entstehung des Musicals Hair:

Ragni und Rado schrieben HAIR als lyrischen Theater-Text. Sie hatten sich am Broadway 1964 als Schauspieler kennengelernt. Ragni (Schauspieler und Maler) spielte in "Hamlet", Rado (Schauspieler) in "Luther" / "Hang Down Your Head an Die". Die Auseinandersetzung mit der Provokation des modernen Theaters und mit der Entwicklung der amerikanischen Hippie-Bewegung forderte sie zu einer schöpferischen Dokumentation heraus. So entstanden die Texte für HAIR. Ragni und Rado formulierten die Unruhe der jungen Generation: Protestschrei und provokative Aktion, mystische Wirklichkeitsflucht und philosophische Spekulation. Der Härte mancher Texte stehen Passagen zarter Poesie gegenüber. Der Widerspruch in der Form macht die Spannung des Inhaltes deutlich. So entstand ein Material, das den Leser oder Hörer beansprucht und zuweilen sogar erschreckt. So war es konsequent, diesen vitalen Text musikalisch und schauspielerisch zu überformen und in die Disziplin der Bühne zu spannen.

1967 brachte Michael Butler, der sogen. "Hippie|Hippi-Millionär", das Musical vom Off-Broadway an den Broadway. Bevor den etwa 100 Off-Broadway Aufführungen weitere über 1800 Aufführungen im Biltmore Theatre am Broadway folgten, wurden einige Änderungen (Überarbeitung durch Tom O'Horgan) vorgenommen. So enthielt beispielsweise die ursprüngliche Fassung keine Nacktszenen, die in der Broadway-Inszenierung für Aufsehen sorgten. Dafür eine Szene, in der die Bühne von Polizisten erstürmt wird, die versuchen die Aufführung zu verhindern. Auch in den deutschen Aufführungen gab es Eingriffe durch den Staatsanwalt, als ein 15jähriger Knabe sich auf der Bühne hemmungslos entblößte. Außerdem wurden die Autoren in ihrem Recht zu spontanen Änderungen der Texte eingeschränkt.

Michael Butler, der als "Hippie-Millionär" die Verbindung zweier so verschiedener Welten, des Bussiness und des Hippie-Lebens nämlich, verkörpert, entdeckte HAIR Off-Broadway und entfesselte damit am Broadway eine Theater-Revolution. Der Erfolg dieses Stückes war nicht aufzuhalten: Nach Stockholm und London begann am 24. Oktober 1968 in München der Siegeszug durch Deutschland. (Quelle: Programmhefte 1968/70)

Auch wenn die spontanen Änderungen mit der Übersiedelung an den Broadway eingeschränkt wurden, gibt es eigentlich keine "Handlung" in dramaturgischem Sinn. Folgeproduktionen mußten sich aber streng an die Regie und das Bühnenbild halten, darauf achtete in den deutschen Aufführungen ein speziell aus den USA gesandter "Stagemanager (in den deutschsprachigen Aufführungen: Fred Reinglas).

Galt MacDermot schrieb die Musik. Er war ehem. Organist und Kirchenmusiker, der, wie er schildert, in Südafrika Anfang sechziger Jahre rhythmisch dazulernte, er bezeichnet diese Phase als eine seiner wichtigsten. Daher rührt, daß fast alle Melodien in Hair eigentlich kirchentonal (dorisch, äolisch, lydisch) sind und auch die Einfachkeit und die Eingängigkeit der Lieder. Betrachtet man nur die Melodien ohne Harmonien, erinnern diese stark an Gregorianische Choräle. Durch die Harmonisierung, Rhythmisierung und Instrumentierung wurde die Musik so grandios. Galt MacDermot war 1966 ein versierter und bekannter Komponist, er sagte, daß er die Kompositionen innerhalb von drei Wochen gemacht hat. Es blieben etwa 20 weitere Texte und Lieder, die nicht in das Musical aufgenommen worden waren und die Galt MacDermot später unter "Disin-HAIR-ited" (ein Wortspiel) veröffentlicht hat.

Der Regisseur Bertrand Castelli, der als Anführer der sogen. "Ostermärsche" mehrere Male im Gefängnis war, wurde als Regisseur bestellt. Er konnte die radikal pazifistische Philosophie des Musicals wie kein anderer so grandios umsetzen. Damals war ja noch der Vietnamkrieg.


Zur Handlung:

Eine chronologische "Handlung" im dramaturgischen Sinn gibt es nur fragmentarisch, kurz geschildert:
  1. Nach der sog. "Slow-Motion" (improvisierte Anfangsmusik, die Darsteller steigen über die Zuschauerstühle und gehen auf die Bühne), alle singen das Lied Der Wassermann (Aquarious). Berger erscheint: kleine Dialogszene und sein Song: Wo ist meine Donna (eine "Donna" gibt es nicht in der Handlung). Die Mitglieder des "tribes" werden vorgestellt in Songs und Sketchen wie Haschisch, Sodomie (Woof), die Farbigen tauchen auf, "Hud" mit seinem Song Ich bin ein Farbiger, ein Nigger.... Plötzlich erscheint "Claude" aus dem Nichts mit ... ich bin Mensch Nummer ..., er schildert seine vornehme Herkunft aus England (im Film aus einer vornehmen Vorstadt von NY) mit Manchester liegt in England.... Sheila mit "tribe" erscheint, dann die schwangere Jeanie, die auch Berger liebt, mit dem Song Hallo! Schwefeldioxyd. Hallo! Kohlenmonoxyd... (Anspielung auf Umweltschutz). Es folgen Szenen und Songs wie Väter und Mütter, Ich bin reich..., Ich hab kein... (Generationenkonflikt und gesellschaftliche Anerkennung). Berger berichtet: ...Ich bin aus der Uni rausgeflogen (Anspielung auf die weltweiten Studentenrevolutionen, im Film keine Spur davon), danach der Song Ich und Luzifer... und ein Uni-Sketch. Es folgt ein Sketch über die Einberufung und die Wehrpaßverbrennung (im Film ausgelassen). Die "Touristenlady" kommt aus dem Publikum auf die Bühne und fragt nach den langen Haaren (Sketch), es folgt der Song Haare / Hair (gesellschaftliche Anerkennung, lange Haare als Protestsymbol). Aus dem Text "Claude liebt Berger, Berger liebt Sheila, Sheila liebt Claude" folgen Szenen zur freien Liebe (im Film keine Dreierbeziehung, vielmehr liebt Claude Sheila, das Thema Homosexualität wird völlig ausgelassen). Eine erste echte kleine "Handlung": Sheila hat Berger ein Hemd geschenkt. Er zerreißt es, darauf Sheilas Lied: Nein sagt sich so leicht... (Easy to be hard) und das romantische Lied von Frank Mills, dann Hare Krishna (Anspielung auf östliche Glaubensformen) und "Claude" mit Wo geh ich hin, wo komm ich her... (Anspielung auf eine neue Lebensphilosophie).

    Szenenbild Wien
    Szenenbild aus der Wiener Aufführung, Foto: Musical A.G. Zürich
  2. Im zweiten Akt, nach einer Kurzfassung von Wassermann (Aquarious) ein weiterer Sketch über die Einberufung, dann geht es mit Haschischgenuß in die Traumszenen (Halluzinationsszenen) mit Türen zu und Schweben im Raum, Sketch über Halluzinationen durch Drogen, Sketche und Lieder zum Rassismus (Indianer, Afrikaner, Sklaverei) und Verbrennung der amerikanischen Flagge (im Film ausgelassen). Das steigert sich mit einem Sketch "General" (Anspielung auf den Militarismus in den USA seit der Cowboy-Zeit) zur Tötungsszene und Leiber zerfetzt von eisernen Splittern, jämmerliches Ende am Stacheldraht... (radikaler Pazifismus). Claude erwacht: Ende der Halluzinationen. Kurz danach verschwindet Claude ebenso schleierhaft wie er anfangs erschienen ist: Ob Ihrs glaubt oder nicht. sie haben mich gekriegt... und der Suche nach Claude. Es handelt sich nur eine Einberufung zum Militär, keine Verschickung nach Vietnam (im Gegensatz zum Film). Es bleibt offen, ob er nicht etwa als Wehrdienstverweigerer (wie seinerzeit Bill Clinton und viele andere) nach Schweden geht. Gegen Ende wieder versöhnlichere Töne: Wir sehen einander hungrig in die Augen... und Laßt die Sonne, laßt den Sonnenschein in Euch hinein... (Let the sunshine in...).
Der dramaturgische Aufbau der Szenen steigert sich also ohne nachverfolgbaren chronologischen Handlungsablauf beginnend mit den weltweiten Studentenrevolutionen und gesellschaftlichen Themen (neues Lebensgefühl) zum Thema "freie Liebe und Sex" und zur Umweltvergiftung, zum Generationenkonflikt und der Protestbewegung im eigenen Hause (lange Haare), gesellschaftliche Anerkennung (Touristenlady) zur Wehrdienstverweigerung mit Verbrennen der Wehrpässe. Dies steigert sich im zweiten Teil in Halluzinationszenen und Sketchen noch weiter in damals sehr brisanten Themen wie Rassismus und Sklaverei, Tötungsszenen und Vietnamkrieg. Am Ende, nach dem Verschwinden von "Claude" die "Blumenkinder" mit der Anklage. ...reden von einer Freiheit, die nur auf dem Papier besteht... und der Aufforderung Laßt die Sonne, laßt den Sonnenschein in euch hinein... (Let the sinshine in...).
Das Musical Hair entstand und spielt in den 1960er Jahren während des Vietnamkrieges. Die jungen Männer in den USA mussten damals noch mit ihrer Einberufung rechnen, die allgemeine Wehrpflicht wurde erst später abgeschafft.

Bei den unterschiedlichen Übersetzungen gab es Anpassungen an die jeweilige Sprache und an das jeweilige Land (Holland, Schweden, Deutschland, Japan usw.). Die Songs selbst durften jedoch nicht verändert werden. Stets war ein Vertreter (Stagemanager) vom Broadway anwesend und überprüfte alles, bevor er sein OK gab. Nach Beendigung des Vietnamkrieges wurden diesbezügliche Szenen und Songs ausgetauscht mit „in Reserve“ liegenden Songs, veröffentlicht von Galt MacDermot unter „Disin-HAIR-ited“ (ein Wortspiel). Jedoch blieben die allgemeinen Songs und Szenen gegen den Krieg und gegen Gewalt, die Bühnenfassung blieb radikal pazifistisch.


Zeitgeschichtlicher Hintergrund

Szenenbild
Szenenbild, Foto: Musical A.G. Zürich
Hair beschreibt die Gefühle vieler junger Leute in dieser Zeit, insbesondere aber die sogenannten „Hippie-Kultur“. Diese betraf nicht nur die USA, schließlich fanden die Friedensmärsche (Ostermärsche) natoweit auch in Westeuropa statt. Studentenunruhen gab es ebenso in Frankreich, Deutschland, London, Stockholm usw. Im Musical ist keine Szene exakt lokalisierbar (abgesehen von der amerikanischen Flagge, die verbrannt wurde und der amerikanischen Hymne, in der deutschen Fassung die deutsche Hymne), die zitiert wurde (Song „Rot, blau, weiß“). Der Film von 1979 ist ausschließlich auf die USA lokalisiert.

Überall auf der Welt war die Jugend unruhig geworden. Demonstrationen, Go-in, Hippie-Bewegung, Provokation - Protest-Symptome einer unruhigen Übergangszeit. HAIR bietet in künstlerisch verdichteter Form konkrete Ansätze zur Analyse - Musik, Text und Bewegung verschmelzen, lassen Widersprüche deutlich werden. HAIR gibt eine künstlerische Antwort auf die Frage nach dem Sinn der Unruhe der Jugend. (Ron Williams in seinem Programmheft von 1974)

Lange Haare (wie z.B. bei Jesus, Fürsten und Rittern, Johann Sebastian Bach, Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Heinrich Heine, Albert Einstein usw.) sowie „verschmuddelte“ Kleidung wie zerrissene Blue-Jeans und „Opa-Mode“ mit Weste und Stöckchen waren damals beliebte Symbole für den Protest gegen die Gesellschaft. Viele junge Männer ließen sich damals ihre Haare wachsen. Die Antwort der Gesellschaft war sehr restriktiv. „Langhaarige“ wurden als Nichtstuer und Gammler beschimpft und von Zuhause verjagt.

Die "Hippies" (im deutschen Programmheft auch "Blumenkinder" genannt) waren nicht herumstreunende Jugendliche (wie im Film) sondern von den Studentenrevolten beeinflußte Kinder der vorwiegend bürgerlichen Klasse: Studenten, Schüler, aber auch "Ausgeflippte". Im späteren Film ist es eine "Straßengang" ohne Bezug auf die Studentenrevolten. Viele Arbeitsplätze waren für bürgerliche langhaarige Männer nicht mehr zugänglich, Haarschnitte wurden oft mit Gewalt erzwungen, Kinder verloren die Liebe ihrer Eltern, weil sie ihre Haare lang wachsen ließen (Song: „Ging vor rund zweitausend Jahren Jesus nicht mit langen Haaren, und Maria liebte ihren Sohn - nur meine Mutter haßt mich...“. Das Musical ist im Kern nicht "antikapitalistisch" (wie tendenziell im Film) sondern eher eine brügerliche Revolte der Jugendlichen gegen ihre eigenen Eltern.

Im Musical gab es ein Dreierverhältnis: Berger-Sheila-Claude. Im Textbuch steht: "Claude liebt Berger, Berger liebt Sheila, Sheila liebt Claude". Alle haben ihren Wehrpaß verbrannt, in der Szene ist Claude der letzte, der noch zögerte. Dazu gibt es auch Traumszenen und Sketche.

Im Film ist das leider alles weg: Claude ist nicht mehr schwul sondern kommt aus einer vornehmen Vorstadtfamilie (NY), das Thema Schwulität wird ausgblendet. Alle Kids aus dem "tribe" waren jedoch ursprünglich Kinder aus gutbürgerlichen Familien, es war ja ein Aufstand gegen die Elterngeneration, besonders auch der (spieß)bürgerlichen. Im Musical tanzte man auf der Straße, im Film auf Tischen in einer Villa (eher ein Protest von Armen gegen Reiche). Claude kam im Musical aus Manchester / England (nicht wie im Film irgendwo aus einer vornehmen Vorstadt von NY), natürlich als Sinnbild des bürgerlichen Muttersöhnchens. Schwulität war für die Mitwirkenden im Ensamble übrigens kein Problem, das wurde offen ausgelebt, obwohl seinerzeit Schwulität noch strafbar war.

Zsammenfassend: In Texten, Songs,Tanz-Szenen und Sketchen wird das Lebensgefühl der Hippies und ihr Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse dargestellt, wie sie z.B. auf Krieg, Gewalt und gesellschaftliche Hierarchien reagieren. Im Anfangssong findet sich die romantische Erwartung und Hoffnung auf ein neues Zeitalter, das sogenannte Wassermannzeitalter. Außerdem behandelt das Musical die Frage nach dem Sinn des Lebens, den Konflikt zur Elterngeneration, den Rassismus, die weltweite Jugendrevolution, auch die Flucht in Träume durch Drogen und einen radikalen Pazifismus.


Zum Inhalt:

Szenenbild
Szenenbild, Foto: Musical A.G. Zürich
Die positiven Visionen enden letztlich in einem Albtraum, in dem die Schrecken des Krieges verdeutlicht werden. In aneinandergereihten Songs, Sketchen, Tänzen und fast kabarettistischen Halluzinationsszenen wird ein radikaler Pazifismus deutlich, alle verbrennen öffentlich ihre Wehrpässe. Ebenso deutlich wird die Forderung nach sexueller Befreiung (...Claude liebt Berger, Berger liebt Sheila, Sheila liebt Claude...) und nach einem neuen Lebensgefühl, der Protest gegen die althergebrachten Hierarchien und der Generationenkonflikt.

In der Bühnenfassung bleibt am Ende offen, ob Claude zum Militär geht „Wo geh ich hin? Wo komm ich her?...“. Er verschwindet einfach wie eine Halluzination. Der im Musical sogenannte "Tribe" sucht ihn ergebnislos. Die Bühnenfassung endet mit dem Lied "Let the sunshine in", in deutsch: "Wir sehen einander hungrig in die Augen, in Wintermäntel eingehüllt und in Düften aus Retorten: reden von einer Freiheit, die nur auf dem Papier besteht, während mit Musik das Boot, in dem alle sitzen, schon untergeht... Laßt die Sonne, laßt den Sonnenschein in Euch hinein...“.

Im Film werden Darstellungen von Kriegsopfern auf einer Videoleinwand gezeigt (1966/67 gab es noch keine Videoleinwand). Der Film zeigt auch die Verwandlung der bunt gekleideten Hippies in uniformierte Soldaten, und wie sie auf Zuruf oder aus eigenem Antrieb töten. Im Musical ist dies ein Sketch (Tötungsszene). Am Ende des Filmes geht Berger, der ein Kriegsgegner ist, zum Militär. Auf Grund einer unglücklichen Verwechslung nimmt er den Platz seines Freundes Claude ein und muss ausgerechnet dann nach Vietnam reisen. Der Film kann im Vergleich zur Bühnenfassung als weniger radikal und gesellschaftsverändernd betrachtet werden.

In den Theatern wurde Hair in der Regel in zwei Akten aufgeführt: Der erste Teil behandelt das gesellschaftskritische Leben der Hippies, ihre Wünsche, Hoffnungen, Konflikte mit der älteren Generation, Rassismus, von sexueller Befreiung (Dreierverhältnis Claude-Berger-Sheila), einem radikalen Pazifismus und der Absicht, die Gesellschaft zu verändern. Der zweite Teil setzt sich in manchmal fast kabarettistischen Halluzinations-Szenen mit Gewalt, dem Krieg („Tötungsszene“), der Umwelterhaltung („Hat's der Mensch nicht weit gebracht...“) und dem Rassismus auseinander. Das Musical war im Kern nicht "antikapitalistisch", jedoch gegen das "Spießbürgertum".

Nach Beendigung des Vietnamkrieges wurden in USA wie in Deutschland Szenen und Lieder ausgetauscht mit vorher nicht veröffentlichten Liedern und Texten aus Galt MacDermots „Disin-HAIR-ited“. Der Schwerpunkt lag nun auf der Gesellschaftskritik, dem amerikanischen und weltweiten Rassismus (schwarz-weiß), der sexuellen Befreiung, einem neuen Lebensgefühl und immer noch einem radikalen Pazifismus.

Heute wirkt das Stück nicht mehr so provokant wie damals. Schließlich hat sich seit 1968 vieles verändert durch die (auch weltweite) APO und nicht zuletzt auch durch Hair.


Erste Aufführungen:
Das deutsche Hair:

Hair wurde in den USA von 1967 Off-Broadway und von 1968 - 1972 am Broadway ohne Unterbrechung aufgeführt. Das Musical war aber auch weltweit erfolgreich.

In England und Deutschland war Hair vor Jesus Christ Superstar das erfolgreichste Musical aller Zeiten. Die deutsche Version „Haare“ lief 2 1/2 Jahre (Premiere im Oktober 1968 - Dezember 1970), sie war in allen deutschsprachigen Ländern ein Erfolg. Es gab Aufführungen in München, Düsseldorf, Berlin, Hamburg, Böblingen bei Stuttgart, Frankfurt, Nürnberg, Köln, Essen, Duisburg, Wien, Zürich usw.

Die Liedertexte wurden größtenteil wörtlich übersetzt (Walter Brandin), teilweise jedoch an die europäischen (wie z.B. in Amsterdam, London und in Stockholm) bzw. deutschen Gegebenheiten und Mentalitäten und die deutsche Sprache angepasst. Die deutschen Szenen und Traumbilder sind nicht in allen Teilen direkte Übersetzungen, orientieren sich aber inhaltlich an den englischen Vorbildern. Sie wurden teilweise in fast kabarettistischer Art und Weise sogar spontan tagesaktuell gebracht, wie z.B. die Generals-Szene (Peter Kern), welche die hierarchischen Strukturen der Gesellschaft verspottet. In der Väter-Mütter-Szene, Anerkennung der Jugend („Ich hab kein Geld...“), kritische Anspielungen auf Medien und Reklame („HB-Männchen“, „Mainzelmännchen“ „Touristenlady“ u.a.), „vaterlandslose Gesellen“ (die CDU hat die SPD als „vaterlandslose Gesellen“ bezeichnet). Daneben gab es lokale Anspielungen wie „Komm wir gehen auf den Ku'damm Wessis erschrecken...“ und viele andere. Insofern war Hair weniger ein Musical mit fortlaufender Handlung (wie im Film) als mehr ein Rock-Kabarett mit aufeinanderfolgenden Songs und Szenen ohne besondere Örtlichkeit. Auch daher rührte der Erfolg der drei deutschsprachigen Ensembles.

Werner Schmid hat das Musical (zunächst Off-Broadway seit 17. Oktober 1967) entdeckt und 1968 nach Deutschland gebracht. Die Proben in München begannen bereits im Mai 1968. Die Regie und die Choreografie wurden gänzlich übernommen und durften nicht geändert werden. Korrepetitoren waren Sigi Hussner und Holger Münzer. Die Proben begannen bereits am 7. Mai 1968 im "Theater in der Brienner Straße". Es waren mehr als Proben, es war eine Schulung (Mai bis Oktober) mit Sprech- Gesangs- und Tanzunterricht (Showdance), die Songs und Sketche wurden einstudiert. Die Premiere von HAIR war am 24. Oktober 1968 im "Theater in der Brienner Straße" in München. Es wurde sofort ein großer Erfolg. Viele haben die Vorstellung mehrmals, manche sogar regelmäßig besucht.

Es waren nicht nur Laiendarsteller egagiert, wie dies oft falsch dargestellt wird, es gab auch großartige gelernte Schauspieler wie Peter Kern, Will Danin (Krimiserien, Derrick, Tatort, ein Bayer auf Rügen u.v.a.), Jo Bogossian, Ron Williams, John Wadell, Charles Williams (er sang z.B. in der Mozartoper "Die Zauberflöte"), Stella Moony (später Theater am Kurfürstendamm), Bruno Ferrari, Ulli Chival usw., auch ich kein Laie (ich habe Komposition, Dirgieren und Violine Meisterklasse studiert). Die Mischung war etwa eins zu drei: ein Drittel waren echte Laien, zwei Drittel waren Profisänger und professionelle Schauspieler. Die sogen. "Laien" waren eben damals noch weniger bekannte Sänger und Solisten wie etwa Donna Summer, Su Kramer, Jürgen Beumer (Jürgen Marcus), Harry Wieser, Liz Mitchel (Liz Mitchel bei Wikipedia), Peter Hedrich (alias Peter Kent), Jutta Weinhold, Milli Fenell, Renate Maurer usw. Die lernten ja nicht von einem Tag auf den andern zu singen, sondern waren schon längst in der Branche, viele als Background-Singer in Studios als professionelle Sänger/in tätig, manche mit eigener Band, sind in Schwabing aufgetreten (so wie ich mit meiner damaligen Frau "Tjorven" - heute alias "Penny McLean"), aber eben leider noch zu wenig bekannt - und wir alle damals ziemlich wenig verdienend. Zu sagen, daß Donna Summer oder Su Kramer oder Jutta Weinhold und die vielen anderen, die große Einzelkarrieren gemacht haben, Laien seien, ist eine absolut falsche Darstellung, das war nur ein Werbetrick. Höchstens ein Drittel der Mitwirkenden waren wirkliche Laien bzw. Anfänger. Die Mitglieder des ersten Ensembles kannten sich seinerzeit mehr oder weniger gut aus Schwabing: aus der "Badewanne", dem "Schwabinger Nest", dem "Simplizissimus", von der Straße oder irgendwelchen anderen Aktivitäten und Auftritten.

Rainer Schöne spielte den ersten Berger in München. Schöne war der einzige, der keine langen Haare hatte. Er trug eine Perücke. Das Ensemble hat ihn deswegen eigentlich nie als "Anführer" akzeptiert, weil er "keiner der unseren" war. Die "Kostüme" der einzelnen waren meist eigene Kleider, die sie auch privat trugen.

Rainer Schöne kündigte. Die bunte Presse berichtete darüber.
Die Besucherzahlen gingen zurück, Werner Schmid verzweifelte. Das erste Ensemble (München) zog im Januar 1969 nach Düsseldorf um. Dort wurde es ein Riesenerfolg. Harry Wieser spielte die Rolle des "Berger". Er war sehr und war auch hinter der Bühne ein vom Ensemble anerkannter "Anführer". Er hat entscheidend dazu mitgeholfen, jetzt endlich den Durchbruch zu schaffen.


Persönlicher Bericht:

Ich war seinerzeit Korrepetitor in "Anatevka" und in "Hair" gemeinsam mit Sigi Hussner. Werner Schmid bestellte mich nachts um halb zwölf in sein Hotel. Während er sich auszog machte er mir das Angebot, Musikalischer Leiter von HAIR zu werden und zwei neue Ensembles aufzubauen. Jo Bogossian (wie auch ich bei der deutschen Version von "Anatevka") sollte mit mir nach Berlin gehen (er spielte den "Berger" in Berlin, andere Bergers waren Ulli Chival, Gunther Bennung, Bill Öhrström, Eckart Rühl usw.). Nach meiner Zusage sagte mir Werner Schmid, daß die Flugkarten vom Büro bereits bestellt und ausgefertigt sind - dann schlief er ein und ich verließ das Zimmer. Er hat offensichtlich von vornherein mit meiner Zusage gerechnet, die Gage war in vorher nie gekannter Höhe. Mit den neuen Ensemble gab es ab Anfang 1969 Premieren in Berlin, Hamburg, nochmal München (München 2), Stuttgart-Böblingen, Frankfurt, Nürnberg, Wien, Zürich, Köln, Duisburg, Essen usw. 1970 wurde der Vietnamkrieg beendet. Ich habe daraufhin die betreffenden Songs und Texte ("Vietnamkrieg - Schluß damit" u.a.) ausgetauscht, z.B. kam "Dead End" hinzu. Zu HAIR gehören noch weitere etwa 20 Songs, die mir als "Disin-HAIR-ited" vorlagen. Daraus nahmen wir Songs auf (siehe zweite Aufnahme: Live-Mitschnitt 1970 mit Jürgen Beumer als "Claude").

Auch auf den veröffentlichten CD's von Hair gibt es Irrtümer:
Die erste Aufnahme war im Studio 1968, Polydor 3146188 (weißes Cover, Haar-Kopf mit dem Ensemble, darin das Gesicht von Rainer Schöne).
Darsteller/Sänger: Wassermann: Donna Gaines, Berger: Rainer Schöne, Sheila: Su Kramer, "Hud": Ron Williams, Touristin: Enno Schnetz. Die Angabe, daß Jürgen Beumer auf der Schallplatte von 1968 gesungen haben soll ist falsch, weil ich ihn erst 1969 entdeckt habe. Ich habe ihn vom Fleck weg engagiert für das Berliner Ensemble für die Rolle des "Claude" (später nach München 2), er war grandios.

Die zweite Aufnahme: Auf der CD "Dreißig Jahre HAARE" (Polydor 557960-2) steht "Originalaufnahme 1968". Das ist aber falsch, da Jürgen Beumer den "Claude" sang, er wurde aber erst 1969 entdeckt und engagiert. Es ist vielmehr ein Mitschnitt von 1970 (München 2), so steht es auf der zweiten Schallplatte, Deutsche Grammophon 1970.
Darsteller/Sänger: Wassermann: Shirly Thompson, Berger: Harry Wieser, Claude: Jürgen Beumer, Sheila: Freya Weghofer, "Hud": John Wadell, Jeanie: Christel Stöcklinger, Frank Mills: Jane Lee, Touristin: Reiner Cohrs. Songs und Sketche auf dieser Platte wurden ausgetauscht wegen Beendigung des Vietnamkriegs.

MEINE MEINUNG: Die deutsche Übersetzung von Walter Brandin ist wesentlich besser als das amerikanische Original, weil hier die deutsche/europäische Mentalität besser erfaßt und angesprochen wurde. Alle vier Wochen haben wir für amerikanische Soldaten und Gäste zwei Vorstellungen auf englisch gespielt, der Vergleich dieser beider Versionen war für uns also leicht, besonders was die Publikumsreaktionen betraf und die Szenenappläuse.

Wir alle wurden zunehmend politisiert: die Darsteller brachten in den Szenen und Sprüchen spontan Tagesnachrichten mit ein, aus einem amerikanischen "Musical" wurde so ein deutschsprachiges Rock-Kabarett. Auch die Rhythmen wurden immer rockiger, die Phrasierungen in den Melodien wurden von den Sängern pausenlos verändert zu den aktuellen Hörgewohnheiten (in diesen Jahren hat sich das alles ja rasant entwickelt), genau darin lag unser Erfolg, und genau deswegen war die deutsche Fassung besser als die amerikanische, wir waren rockiger und weniger "poppig".

Als Musikalischer Leiter habe ich natürlich die Rhythmen der Band permanent aktualisiert. Alles andere haben die Darsteller selbst gemacht, ich mußte sie nur "laufen lassen", und dann haben alle anderen (Zweitbesetzung und Drittbesetzung) diese Phrasierungen übernommen. Auch die drei Bands haben viel Improvisation eingebracht.

Auch habe ich die Chöre von einer Dreistimmigkeit auf eine Sechsstimmigkeit erweitert (die von den Ensembles in den USA übrigens übernommen wurde), wobei ich oft nur die improvisierten Übermelodien der Sänger/innen aufnahm und weitergab, sodaß alle Ensembles immer die gleichen Stimmen einstudiert bekamen. Unsere Chöre waren die besten (behapte ich). Außerdem hatte ich in jeder Stadt hinterm Vorhang einen kleinen Background-Chor von 6 professionellen Sängern (meist von Musikhochschulen) vor zwei Mikrofone gestellt, die von Noten lesend die Stimmen exakt hielten. Die Bühnendarsteller wollten immer nur der schönsten Melodieführung bzw. Überstimme folgen: so konnte ich die Sechsstimmigkeit der Chöre auch Live erhalten. Das war mein Geheimnis, das hört man auf dem Mitschnitt von 1970.

Die Darsteller nahmen deutsche Werbesprüche auf wie z.B. das "HB-Männchen" ("...wer wird denn gleich in die Luft gehen..."), die "Mainzelmännchen" oder den Spruch "Komm wir gehen auf den Ku'damm Wessis erschrecken" (daher kommt übrigens die Bezeichnung "Wessis", also schon 20 Jahre vor der deutschen Wiedervereinigung - eine Erfindung des Berliner HAIR-Ensembles von 1969, "Wessis" waren die - wie Botho Straus das mal nannte - "Sesselpuper vom Innenministerium", die nächtens um drei durch Westberlin zogen als sei ewig rheinischer Karneval) oder: "wir sind alle nur vaterlandslose Gesellen", ein Ausspruch von Harry Wieser (Anspielung auf die CDU, welche die SPD als "vaterlandslose Gesellen" beschimpft hatte). Alles das gab es nicht im Broadway-Musical geschweige denn im Film. Im Film wurden die Sketche und Halluzinations-Szenen umgedeutet zu wahrhaftigen Geschehnissen. Schwulität, Drogen und der Radikalpazifismus wurden eliminiert. Dadurch wurde die gesamte Philosophie von HAIR verfälscht.

Im Musical wird nicht klar, ob Claude wirklich zum Militär ging, obwohl er sagt: "Ob Ihr's glaubt oder nicht, sie haben mich gekriegt". Er geht ab, und es bleibt offen, ob er wirklich zum Militär geht oder wie seinerzeit Bill Clinton nach Schweden. Also ein offenes Ende: dramaturgisch besser. Im Film geht Berger, der seinen Wehrpaß ja verbrannt hat, in einer Verwechslung mit Claude nach Vietnam. Schade: kein offenes Ende, unaufgeklärte Mißverständnisse, schlechte Dramaturgie.

Ich halte den Film im Inhalt für ganz miserabel, langweilig und kitschig, auch wenn er für die gute Regie einen Preis gewonnen hat. Gerome Ragni und James Rado haben sich zwanzig Jahre lang entschieden und mit Erfolg gegen eine Verfilmung ausdrücklich gewehrt, vermutlich wollten sie auch lieber ein Rock-Kabarett als ein Musical. Letztlich haben sie aber - vielleicht aus finanziellen Gründen - zugestimmt, da das Musical offensichtlich abgelaufen war.

So war das.

persönlicher Bericht: Holger Münzer
Kritik und Korrekturvorschläge ausdrücklich erwünscht.


Quellen:

Privatarchiv Holger Münzer: Unterlagen zu "Hair":
Programmhefte, Fotos, Produktionsunterlagen, Besetzungslisten, Lebensläufe von Darstellen und ihre Bewerbungen.

Weblinks:

  • Hair in der Internet Broadway Data Base
  • Su Kramer zur Entstehung und zu den deutschen Aufführungen (mit Bildern)
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