Gottfried Benn - Geist oder Leben



mit

Marlin von Wick

und

Holger Münzer

Buch und Idee:
Rolf Wißkirchen



"BERLINER MORGENPOST" (16.3.1996):

WIE GOTTFRIED BENN
ÜBER POESIE UND LEBEN DOZIERT

Der deutsche Lyriker in einem Zwei-Personen-Stück


Eine Glühbirne, ein Stuhl, ein Tisch. Auf der dunklen Bühne zwei Männer. Sonst passiert nichts - außer einem kleinen Theaterwunder. Holger Münzer und Marlin von Wick spielen "Gottfried Benn - Geist oder Leben". Eine Stunde lang fasziniert ein Kammerspiel, das Kopf und Herz der Zuschauer trifft.

Gottfried Benn war einer der großen deutschen Lyriker und Essayisten. Er begeisterte und begeistert intellektuelle Kreise. Aber auch Arbeiter. Bertolt Brecht notierte 1953: "Beim Anhören von Versen / des todessüchtigen Benn / habe ich auf Arbeitergesichtern einen Ausdruck gesehen / der nicht dem Versbau galt und kostbarer war / als das Lächeln der Mona Lisa." Dabei gilt Benns Werk nicht gerade als leichter Stoff.

Das Buch für diesen Benn-Abend stammt von Rolf Wißkirchen. Der bedient sich eines dramaturgischen Hilfsmittels. Er hat einen Fragesteller (Münzer) geschaffen, der mit seiner Wissensgier den Anlaß für Prosatexte Benns liefert. So rezitiert Wick in der Rolle des Gottfried Benn über Intellektualsimus und Gott, über Hinterhofidylle und Kunst.

Die Schauspieler auf der Bühne bewegen sich kaum. Sie verlassen sich auf die Kraft der Sprache. Und Benns staccatohafte Reihung von Hauptwörtern, seine Vermischung von Wissenschaftsterminologie, Straßenjargon und Poesie entfaltet Wirkung. Die Texte sind nicht aufdringlich, aber eindringlich genau. Für die Denkanstöße gab es verdient langen und warmen Applaus.

(jak)

Die RHEINISCHE POST (Duisburg 29.7.96):

Theaterabend in der Gebläsehalle
des früheren Meidericher Hüttenwerks

Konzentrierte Texte faszinierten

Von Ingo Hoddig

Eine Glühbirne, ein Stuhl, ein Tisch. Zwei schwarzgekleidete Schauspieler diskutieren über schwierige Menschheitsfragen. Sonst ereignet sich nichts: nur ein erstklassiger Theaterabend. "Die Wirklichkeit, die Form und der Geist" von Rolf Wißkirchen ist eine etwa einstündige, szenische Verdeutlichung von weniger bekannten Prosatexten des vor 40 Jahren gestorbenen Gottfried Benn, der jetzt in der Gebläsehalle des Meidericher Hüttenwerks Premiere hatte.

Der Berliner Schauspieler Marlin von Wick ist Gottfried Benn, sitzt meist am Tisch, blättert in Papieren und breitet genüßlich sein besonderes Weltbild aus. Sein rhetorischer Gegenpart als eine Art Geist, der stets verneint, ist der wunderbar fiese Holger Münzer, zuständig für dauernde Einwände. Die Diskussionsgegenstände sind dabei vor allem Intellektualismus und Gott, Hinterhofidylle und Kunst.

Die Wirklichkeit, die Form und der Geist seien die Hauptfragen unseres Jahrhunderts, befand Benn. Die einzige mögliche Antwort darauf sei die Kunst (gemeint ist: die Künste), was die bürgerliche Gesellschaft aber immer noch nicht anerkennen wolle. Insbesondere die bürgerliche Literatur verweigere jene Erkenntnis. Diese Gedanken erscheinen als Quintessenz von Wißkirchens Benn-Stück, die betreffenden Zitate sind die einzigen, die in dieser geistreichen Textcollage zweimal angeführt werden und dann ja auch in den Titel eingegangen sind.

Allerdings war Benn keiner, der eine lückenlose Ideologie predigte. Die Kunst ist zwar bei ihm die Antwort auf die Weltfragen, wirft aber einige Probleme auf. Die Kunst oder genauer gesagt: der Künstler ist prinzipiell antisozial. Gott ist insofern tot, als er nicht mehr als letztes Hilfsmittel für Probleme, die der einzelne nicht selbst lösen zu können glaubt, herhalten kann. Die Hinterhofidylle als Lebensform ist zugleich befreiend und spießig. Diese höchst anspruchsvolle Überlegungen kamen in der Gebläsehalle gut herüber, denn Benns innerer Monolog wurde in anschauliche Gegenüberstellungen übersetzt. Das Publikum ließ sich von den konzentrierten Texten faszinieren, wohl auch bedingt durch Akustik und Atmosphäre des Aufführungsortes.

Die W A Z (Westfälische Allgemeine Zeitung am 29.7.96):

Die Kunst als Hoffnung

Aufführung nach Gottfried Benn im Landschaftspark

Die Szene wirkt wie ein Verhör, seine Lebensinhalte soll der Mann preisgeben. Analytisch referiert er seine Überzeugung von der Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz. Doch die Figur in dem Stück "Die Wirklichkeit, die Form und der Geist" hält dem auch etwas entgegen: die Kraft der Kunst.

In der Gebläsehalle des Landschaftsparks Nord hatte das Zweipersonenstück, das der Kölner Theater-Regisseur Rolf Wißkirchen aus Prosatexten des Dichters und Autors Gottfried Benn zusammengestellt hat, eine vom Publikum begeistert aufgenommene Duisburger Premiere. Wißkirchen inszenierte "Die Wirklichkeit, die Form und der Geist" aus Anlaß des vierzigsten Todestages von Gottfried Benn und durchmißt damit den Schaffens- und Überzeugungshorizont des Arztes und Dichters, der in seinen späteren Werken der Verneinung des Lebens gegensetzte.

Auf der Bühne in der Gebläsehalle ein gegensätzliches Paar: an seinem kleinen Tisch unter der Hallogen-Leuchte, mit streng zurückgekämmtem Haar und ganz in Schwarz gekleidet, der Analytiker, der Intellektuelle (Benn selbst), gespielt von Marlin von Wick. Ihn umkreist mit provozierenden Fragen sein Widerpart, dargestellt von Holger Münzer. "Drückt euch aus", fordert der, und in wohlgesetzten Worten folgt der Ekel über die "Geschichte der Massenmorde", den Unglauben ("Ich muß durch alles selbst hindurch"), und die Vereinzelung des Individuums ("Das Verhängnis Einzelner - wie ungeheuerlich und tragisch..."), so gelingt es mit der Figur des Fragenden, den Intellektuellen aus seiner abgeklärten Reserve zu locken, einem Wutausbruch folgt die Liebeserklärung an die Außerseiter, die den Menschen ihre Kunst schenken.

(AR)

Presse:

Programme
  • Holger Münzer Fotogalerie
  • Pressefotos zur Auswahl und zum Abkopieren
  • Zur Anfangsseite
    Programmierung und Design: © Kultur-Netz-Service